Vergessen verhindern … der methodisch clevere Weg ins Langzeitgedächtnis

Die Krux mit dem Gedächtnis …

Das wünscht sich jeder Lernende: nur einmal etwas lesen oder hören und schon kann ich mich problemlos immer wieder daran erinnern. Fakt ist: Wenn Wissen aufgenommen wird, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch ins Langzeitgedächtnis übergeht und länger abrufbar ist.

Jeder, der sich z.B. auf eine Prüfung vorbereitet, kennt die Situation: Bestimmte Inhalte brauchen länger, um im Langzeitgedächtnis anzukommen. Bei anderen Themen wiederum geht es deutlich schneller. Liegt das nur am Inhalt der Themen, der einem mal mehr oder mal weniger liegt? Oder gibt es tiefergehende Gründe?
Um den Prozess des Lernens besser zu verstehen, lohnt es sich, sich die biologischen Aktivitäten im Gehirn näher anzusehen.

Was spielt sich im Gehirn ab?

Ein ganz wichtiger Gehirnteil für das Lernen von Fakten ist der Hippokampus, das sogenannte „Seepferdchen“. So benannt, da seine Form entfernt an ein Seepferdchen erinnert.

Dieses Seepferdchen ist sozusagen der Wächter der Neuigkeiten: Soll ein neuer Sachverhalt gelernt werden, muss dieser als Erstes vom Hippokampus aufgenommen werden. Neu gebildete Neuronen und Nervenverbindungen benötigen dann jedoch mindestens sechs Stunden, um neue Informationen weiterleiten zu können. Das heißt, Zeit spielt hier eine entscheidende Rolle. Neu gelerntes Wissen muss also erst konsolidiert werden, bevor es getestet werden sollte. Das heißt für das Selbstlernen, das der Lernende – wenn er gehirngerecht lernen möchte – immer 1 Tag verstreichen lassen sollte, bevor er die Wissensabfrage zu seinem Lerninhalt durchführt. Nur so kann er davon ausgehen, dass sein Wissen schon tiefer verankert ist.

Zusammenfassungen und Wiederholungen bleiben die effektiven Klassiker.

Das Langzeitgedächtnis lässt sich grundsätzlich in zwei Gedächtnisteile unterteilen:

  • Das deklarative Gedächtnis ist das Gedächtnis für Fakten und Ereignisse. Diese gehören entweder zur Biografie (episodisches Gedächtnis) oder zum sogenannten „Weltwissen“, wie z.B. berufliche Kenntnisse (semantisches Gedächtnis). Damit das Wissen im semantischen Gedächtnis landet, ist eine wiederholte Auseinandersetzung mit einem Thema notwendig.
  • Das prozedurale Gedächtnis umfasst die Fertigkeiten, d.h. das Handlungswissen. Dazu gehören vor allem motorische Abläufe. Handlungswissen, also das Wissen „wie“, wird durch Wiederholung und Feedback erworben.

Diese biologischen Vorgänge können nicht umgangen werden. Sie können aber in unterschiedlichen Lernsituationen effektiv berücksichtigt werden. Die Erkenntnisse sprechen z.B. zum einen für die klassischen Zusammenfassungen am Ende eines Themas und zum anderen für Wiederholungsrunden.

Die Hirnforschung hat ebenfalls gezeigt: Wird vor der Wiederholung zuerst etwas Neues präsentiert, dann hinterlassen die Wiederholungen mehr Spuren im Gedächtnis. Neuheiten fördern die Langzeitpotenzierung im Hippokampus. Es macht also Sinn, beim Lernen regelmäßig neue Inhalte mit Wiederholungen von bereits gelernten Inhalten zu kombinieren, um diesen Effekt auszunutzen.

Feedback als Motivationselement

Feedback an den Lernenden ist ein ebenso zentraler Bestandteil einer langfristigen Gedächtnisverankerung.

Hier lässt sich viel von Computerspielen lernen. Zentraler Bestandteil eines Computerspiels ist der sogenannte „Engagement Loop“. Das ist die Struktur im Spiel, die dafür sorgt, dass der Spieler handelt. Dies läuft folgendermaßen ab:

1. Motivation: Der Spieler erhält aus dem Spiel heraus eine Aufgabe.
2. Aktion: Der Spieler interagiert mit dem Spiel.

3. Feedback: Der Spieler bekommt Feedback zu seiner Aktion. Das fungiert als Motivator für die nächste Aufgabe.

Usw.

Das Feedback bekommt der Spieler immer direkt im Anschluss an eine Aktion. Die direkte Reaktion ist auch für jedes Feedback beim Lernen wichtig.

Ideal ist Feedback dann, wenn es möglichst konkret ist. Die Lernenden brauchen eine Rückmeldung zu ihrer Performanz. Und dazu, was sie noch tun können, um mehr zu erreichen.

Den Anschluss im Gehirn finden …

Außerdem muss auf die Anschlussfähigkeit des Wissens geachtet werden. „Anschlussfähigkeit“ heißt konkret, dass bereits Vorwissen vorhanden ist, an das die neu zu lernenden Inhalte angeknüpft werden können. Fehlt dieses Vorwissen, kann der Lernende sich nichts merken, weil im Gehirn der Anschluss fehlt.

Um Anschlussfähigkeit zu erzeugen, sind verschiedene methodische Wege hilfreich:

  • Einen Überblick zu Beginn eines Themas geben.
  • An das Vorwissen der Lernenden anknüpfen. Dies kann z.B. durch Beispiele aus der Praxis geschehen.
  • Den Gesamtzusammenhang eines Themas aufzeigen.

Gerade Praxisbeispiele und Geschichten aus dem Alltag des Lernenden sorgen für eine höhere Bedeutsamkeit des Themas für den Lernenden. Das wirkt sich lernförderlich aus, denn hier ist die Anschlussfähigkeit besonders hoch.

Um einen möglichst hohen Lernerfolg zu erzielen, ist es wichtig, möglichst häufig Wissen anzuwenden, zu vertiefen und es in einen Gesamtzusammenhang einordnen zu können.

Fazit

Zusammenfassungen, Wiederholungen, direktes Feedback, Überblick, Gesamtzusammenhang, praktische Aufgaben – alles Schlagworte, die für erfolgreiches Lernen nicht neu sind. Unser Tipp für Sie: Versuchen Sie doch beim nächsten Lernangebot einmal, den Zusammenhang Ihres Lernstoffs zu visualisieren und einem Kollegen zu erklären.

Welche Methoden zur Gedächtnisverankerung nutzen Sie erfolgreich? Über Ihre Erfahrungsberichte in den Kommentaren freuen wir uns!

Quellen: 
Becker, Nicole: Neu(ro)modisch lernen? Fakten und Mythen über die Neurobiologie des Lernens. Vortrag auf der SELC 2014

Egle, Jürgen: Was heißt gehirngerecht lehren und lernen? Neurowissenschaftliche Erkenntnisse für guten Unterricht. Zeitschrift SEMINAR, 02/2010, S. 160-187

Spitzer, Manfred: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum Akademischer Verlag, 2006

Stern, Elsbeth: Intelligentes Lernen und nützliches Wissen. tele-akademie.de/begleit/video_ta110605.php

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