Metaphors we learn by – Lernen in Metaphern

„Vor mir liegt ein Berg von Arbeit, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es ist einfach zu viel Lernstoff.“

 

Kennen Sie das Gefühl, das Sie mit diesem Satz verbinden? Vielleicht fühlen Sie sich antriebslos, sind unmotiviert. Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt, woher das Gefühl kommt? Es könnte an Ihrer Interpretation der Tatsache, dass Sie noch ziemlich viel lernen und eine Prüfung bestehen müssen, liegen.

Lernen als Anstrengung

Mit der Vorstellung von zu erledigenden Aufgaben als Hürde oder Hindernis (z. B. einem Berg) sind unweigerlich Mühe und Energieeinsatz verbunden. Denn wenn man vor dem Berg von Arbeit steht, weiß man, dass man einen harten Anstieg vor sich hat, der Kraft und Energie kosten wird – und den leichteren Weg über den Brenner, den sogar Cäsar schon nutzte, um die Alpen zu überqueren, gibt es beim Berg voller Arbeit leider nicht.

Harter Anstieg mit schwerem Gepäck

Lassen Sie uns die Kraft von Metaphern mit einer dazu passenden Ergänzung betrachten: Die anstehende Prüfung, auf die ich mich vorbereiten muss, belastet mich. Und auf einmal müssen wir nicht nur den Berg von Arbeit erklimmen, um uns den Lernstoff anzueignen, die Angst vor der anschließenden Prüfung schleppen wir als Gepäck zusätzlich mit. Es lastet auf unseren Schultern und zieht uns herunter. Mal ganz ehrlich, haben Sie jetzt noch Lust, sich auf den Weg zu machen, die Anstrengung auf sich zu nehmen und einen Rucksack voller Angst auf den Berg voller Arbeit hinaufzutragen?

Aber jetzt mal von Anfang an …

In Anlehnung an das Standardwerk „Metaphors we live by“ oder im Deutschen „Leben in Metaphern“ von George Lakoff und Mark Johnson haben wir uns gefragt: Was haben Lernen und Metaphern miteinander zu tun und wie kann Wissen um Metaphern dabei helfen, sich selbst, aber als Learning Professional vor allem auch andere zu motivieren?

Spätestens mit dem Erscheinen des oben genannten Werkes von Lakoff und Johnson wurde das Verständnis von Metaphern grundlegend verändert. Wurden sie zuvor als Schmuck von Reden und aufwendige Inszenierung von Sprache verstanden, haben Lakoff und Johnson in ihrem Werk gezeigt: Unser Denken ist durch und durch metaphorisch. Metaphern sind ein elementarer Bestandteil unserer Sprache.

Was ist da eigentlich passiert, als ich meinte, dass ich vor einem Berg von Arbeit stehe? Es wurde Bildsprache genutzt, also eine Metapher, um auszudrücken, wie ich mich in meiner Situation fühle und wo ich mich selbst sehe. Lakoff und Johnson „haben […] festgestellt, daß die Metapher unser Alltagsleben durchdringt, und zwar nicht nur unsere Sprache, sondern auch unser Denken und Handeln. Unser alltägliches Konzeptsystem, nach dem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich metaphorisch.“[1]

Beispiele:

  • Ich fühle mich hin- und hergerissen.
  • Ich bin mit mir im Reinen.
  • Ich muss das noch abwägen, bevor ich mich entscheide.
  • Das raubt mir den letzten Nerv.
  • Du führst ein Leben auf der Überholspur.
  • ...

Quellen- und Zieldomänen

Das Wesen der Metapher besteht darin, daß wir durch sie eine Sache oder einen Vorgang in Begriffen einer anderen Sache bzw. eines anderen Vorgangs verstehen und erfahren können.[2] Eine Metapher bedient sich dazu einer Quellendomäne, aus der sie stammt, und überträgt die Eigenschaften der Quellendomäne auf eine Zieldomäne.[3] An einem einfachen Beispiel gezeigt: Was bedeuten für Sie Partnerschaft und Liebe?[4]

Liebe ist …
(Zieldomäne)

…eine gemeinsame Reise. (Quellendomäne)

  • Es gibt einen Anfang und ein Ende der Reise.
  • Die Reise ist erholsam.
  • Die Wege können sich trennen.
  • Der Weg kann holprig sein.
  • Die Reise ist kein Alltag.
  • ...

…ein Spiel. (Quellendomäne)

  • Es gibt einen Gewinner und Verlierer.
  • Es gibt Spielregeln.
  • Es fehlt an Ernsthaftigkeit.
  • Man braucht Glück.
  • Man verfolgt eine Taktik.
  • ...

Beleuchten und Verbergen

Je nachdem, welche Quellendomäne man zur Beschreibung einer Zieldomäne verwendet, werden Aspekte beleuchtet und andere verborgen.[5] Michael Pielenz vergleicht das Hervorheben bzw. Verbergen von Eigenschaften durch Verwendung eines metaphorischen Konzepts mit einem Filter. „Hebt man durch den Gebrauch der Metapher ‚Liebe als Reise‘ hervor, daß die Liebe nun als ein zielorientiertes Unterfangen gesichtet wird, treten andere metaphorische Deutungen in den Hintergrund, wie zum Beispiel ‚Liebe als Wahnsinn‘ und ‚Liebe als Glücksspiel‘.“[6] Auch beim Berg von Arbeit und Lernstoff treten andere mögliche Konzepte, mit denen man Lernen begreifen kann, in den Hintergrund. Die Frage ist, welche Konzepte man neben dem Berg von Arbeit außerdem verwenden könnte.

Schon mal vom Hügel voller Arbeit gehört?

Ein Berg von Arbeit und ein Haufen Arbeit

Nein? Ich auch nicht. Aber man kennt den Haufen Arbeit. Es stellt sich die Frage, was das Konzept des Bergs von Arbeit und das Konzept des Haufens Arbeit gemeinsam haben und was sie voneinander abgrenzt. Schauen wir uns das mal genauer an:

Ein Berg und ein Haufen können beide jedenfalls Hindernisse sein, die überwunden werden müssen. Das DWDS[7] versteht unter einem Berg eine „große, aus dem Gelände herausragende Bodenerhebung“[8]. Ein Haufen bezeichnet ein „hügelförmiges Übereinander von Dingen“[9]. Gemeinsam haben damit beide, dass sie Ansammlungen von Material bzw. Erhebungen sind im Gegensatz zu Löchern, Lücken oder Senkungen. Dabei musste ich gerade übrigens an Wissenslücken denken – eine schöne Metapher für fehlendes Wissen.

Unterschiede von Berg und Haufen

Berge können z. B. aus Sandstein, Kalkstein oder Vulkanit bestehen. Sie sind geografische Gegebenheiten. Ein Haufen kann aus diversem Material bestehen: ein Haufen Steine, ein Haufen Blätter, ein Haufen Papier, ein Haufen Zeugs oder ein Hundehaufen. Den Berg unterscheidet von einem Haufen seine Mächtigkeit. Den Haufen unterscheidet vom Berg die Attribution von Zufälligkeit und ggf. sogar Chaos.

Einen Haufen Arbeit und einen Berg von Arbeit unterscheidet darüber hinaus die Art, wie man an sie herangeht und ihnen begegnen kann bzw. wie man mit ihnen umgeht. Während man einen Haufen auch durchwühlen kann, kann man einen Berg nur überqueren/überwinden, mal davon abgesehen, dass man mit viel Anstrengung einen Tunnel graben könnte. In der Art, wie man Fortschritte (auch hier wieder eine Metapher übrigens) beim Bewältigen eines Haufens Arbeit bzw. eines Bergs von Arbeit macht, unterscheiden sich beide metaphorischen Konzepte – einen Haufen Arbeit kann man leichter abarbeiten, also abtragen bzw. aufräumen.

Die Metapher vom Berg voller Arbeit verbirgt, dass ich, auch wenn ich den Gipfel nicht erreichen werde und mir somit den gesamten Lernstoff nicht mehr bis zur Prüfung aneignen werde, dennoch mit jedem Teilchen des Stoffs, das ich zusätzlich lerne, die bevorstehende Prüfung mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgreicher bestehen werde als ohne zu lernen. Ein Nicht-Erreichen des Gipfels gilt automatisch als Scheitern, wohingegen das Aufräumen des Haufens Arbeit mit jedem Teilchen, das ich abarbeite, bereits erfolgreich ist.

Habe ich lieber einen Haufen Arbeit als einen Berg von Arbeit?

Sollte ich aus Angst vor dem Berg also lieber sagen, dass ich einen Haufen Lernstoff vor mir habe? Das wollte ich damit nicht sagen. Das kommt ganz darauf an, welche Herangehensweise und welches Konzept einem eher liegen und gefallen. Gehe ich gerne wandern, ist der Berg vielleicht eine Metapher, die mich motiviert. Miste ich gerade meine Zeitungshaufen im Wohnzimmer und meine Kleiderhaufen im Schrank aus und freue mich, dass Marie Kondo[10] mir dazu hilfreiche Tipps gibt, sollte ich meinen Lernstoff lieber als Haufen betrachten, den ich sortiere und bei dem ich Nützliches von Unbrauchbarem unterscheide und damit auch überflüssigen Lernstoff streiche und mich auf das Notwendige konzentriere.

Wahl einer Metapher ist entscheidend

Deshalb ist es sinnvoll, sich beim Versuch der bewussten Wahl eines Konzepts zu überlegen, welche Vorteile ein Konzept gegenüber einem anderen Konzept für einen persönlich hat und welches Konzept den eigenen Vorlieben am ehesten entspricht. Man könnte Lernen auch mit einer Geld-Metapher beschreiben und eine Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen: Was muss ich lernen und wie intensiv muss ich lernen, um ein bestimmtes Ziel, also ein bestimmtes Ergebnis in der Prüfung erreichen zu können? Das klingt schon ganz anders als das Entweder-oder beim Bergsteigen, also die Frage, mache ich mich auf den Weg und lerne alles oder lasse ich es lieber ganz sein. Die Bergmetapher highlightet die Vorstellung eines Ganz-oder-gar-nicht-Prinzips vom Lernen, wohingegen die Geldmetapher verdeutlicht: Investiere ich Zeit, erhalte ich im Gegenzug mit hoher Wahrscheinlichkeit schon das Bestehen der Prüfung.

Und damit sind wir schon beim entscheidenden Punkt. Man sollte sich die Potenziale und Möglichkeiten, aber auch die Gefahren von Metaphern bewusst machen. Im allgemeinen Sprachgebrauch zeichnen sich Metaphern vor allem dadurch aus, dass sie verwendet werden, ohne sich bewusst und aktiv für sie zu entscheiden. Sie entspringen einfach unserem Verständnis eines Sachverhalts. Entscheiden wir uns bewusst für Metaphern und wählen wir sie mit Bedacht, können wir von ihnen profitieren und uns von ihnen motivieren lassen. Das funktioniert in der Politik beim Kampf um Wählerstimmen[11] ebenso wie in der Werbung, um einen potenziellen Kunden zum Kauf eines Produkts oder zur Inanspruchnahme einer Dienstleistung – man denke dabei z. B. an die Arzneimittelwerbung und die Darstellung von körperlichen Leiden, die mit freiverkäuflichen Arzneimitteln gemindert werden können – zu bewegen, sowie in der Psychotherapie.[12]

Lernen als Genuss

Ich streiche aus meinem Sprachgebrauch den Berg von Arbeit. Warum? Weil mich am Berg das Ganz-oder-Gar-nicht-Prinzip stört. Ich mag es nicht, dass verborgen wird, dass meine Prüfungsvorbereitung auch bereits dann erfolgreich ist, wenn ich nicht alles gelernt habe. Die Bergmetapher lässt nach meinem Verständnis kein „Lernen auf Lücke“ zu. 

Ich mag hingegen die Idee des Haufens von Lerninhalten. Ich verbinde den Haufen von Lerninhalten mit genussvollem Essen. Der Haufen von Lerninhalten ist für mich wie meine Einkäufe, die ausgebreitet und noch durcheinander auf meiner Küchenarbeitsplatte liegen, bevor ich anfange, das Essen zuzubereiten. Ich sortiere die Einkäufe, bringe Ordnung hinein, gehe nach meinem Rezept vor und bereite appetitliche Häppchen zu – meine „Learning Nuggets“. Sie sind leichtverdaulich, machen Hunger und Appetit auf mehr, mein Hungergefühl wird mit jedem Bissen kleiner, meine Sättigung größer.

Was hindert mich am Bergsteigen? Eine Menge. Vor allem die Anstrengung und meine Sorge davor, dass ich es nicht schaffen könnte, den Gipfel zu erreichen. Was hindert mich an der Zubereitung von Essen und am Genuss? Nichts, außer die möglichen Extrapfunde, wenn es besonders lecker ist und ich zu viel esse. Der Verzehr von Learning Nuggets hat gegenüber dem Verzehr von Hähnchen Nuggets aber einen Vorteil: Learning Nuggets sind frei von Kalorien.

Quellen

[1] Lakoff/Johnson, Leben in Metaphern, Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, 8. Aufl. 2014, S. 11.

[2] Lakoff/Johnson, Leben in Metaphern, Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, 8. Aufl. 2014, S. 13, Hervorhebungen im Original.

[3] Vgl. Lakoff, Women, Fire, and Dangerous Things, What Categories Reveal about the Mind, 2008, S. 276: „Each metaphor has a source domain, a target domain, and a source-to-target mapping.“

[4] Vgl. das Beispiel auch mit Pielenz, Argumentation und Metapher, 1993, S. 100.

[5] Vgl. Lakoff/Johnson, Leben in Metaphern, Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, 8. Aufl. 2014, S. 18 ff.

[6] Pielenz, Argumentation und Metapher, 1993, S. 100.

[7] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache.

[8] DWDS, online abrufbar unter: https://www.dwds.de/wb/Berg, zuletzt aufgerufen am: 28.11.2019. 

[9] DWDS, online abrufbar unter: https://www.dwds.de/wb/Haufen, zuletzt aufgerufen am: 28.11.2019.

[10] S. Kondo, Magic Cleaning, Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert, 2013.

[11] Zum Framing z. B. Wehling, Politisches Framing, Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, 2018.

[12] Z. B. Hammel, Handbuch des therapeutischen Erzählens, Geschichten und Metaphern in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde, Coaching und Supervision, 2009; Lankton/Lankton, Geschichten mit Zauberkraft, die Arbeit mit Metaphern in der Psychotherapie, 6. Aufl. 2008.

Mehr Beiträge aus dieser Kategorie:

Mehr Beiträge zu den Schlagwörtern:

Schreibe einen Kommentar

Share on twitter
Share on linkedin
Share on facebook
Share on xing
Share on tumblr
Share on pinterest
Share on email
Share on print
Menü schließen